Amtlicher Text
§ 33b Abs. 3 Sätze 4 und 5 EStG
Hilflos ist eine Person, wenn sie für eine Reihe von häufig und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen zur Sicherung ihrer persönlichen Existenz im Ablauf eines jeden Tages fremder Hilfe dauernd bedarf. Diese Voraussetzungen sind auch erfüllt, wenn die Hilfe in Form einer Überwachung oder einer Anleitung zu den in Satz 4 genannten Verrichtungen erforderlich ist oder wenn die Hilfe zwar nicht dauernd geleistet werden muss, jedoch eine ständige Bereitschaft zur Hilfeleistung erforderlich ist.
Quelle: § 33b Abs. 3 Sätze 4 und 5 EStG. Ergänzende Bewertungsmaßstäbe: Anlage zu § 2 VersMedV, Teil A Nr. 4 und 5.

Merkzeichen H – Hilflosigkeit
Systematische Kommentierung mit Rechtsprechung und praxisbezogenen Abgrenzungskriterien.
Das Merkzeichen H wird festgestellt, wenn ein behinderter Mensch im rechtlichen Sinne hilflos ist. Maßgeblich ist nicht die Diagnose allein, sondern Art, Häufigkeit, Umfang und Intensität der tatsächlich notwendigen fremden Hilfe.
1. Grundbegriff der Hilflosigkeit
Hilflosigkeit im Sinne des Merkzeichens H ist enger als Hilfs- oder Betreuungsbedürftigkeit im allgemeinen Sprachgebrauch. Entscheidend ist, ob wegen gesundheitlicher Beeinträchtigungen bei einer Reihe häufig und regelmäßig wiederkehrender Verrichtungen zur Sicherung der persönlichen Existenz dauernd fremde Hilfe benötigt wird.
Die moderne Rechtsprechung beruht vor allem auf den Entscheidungen des BSG vom 12.02.2003 – B 9 SB 1/02 R und vom 24.11.2005 – B 9a SB 1/05 R.
2. Welche Verrichtungen zählen?
Berücksichtigungsfähig sind insbesondere Hilfen bei Körperpflege, Ernährung und Mobilität. Hinzu kommen notwendige körperliche Bewegung, geistige Anregung und Kommunikation.
Hauswirtschaftlicher Hilfebedarf gehört nach der BSG-Rechtsprechung grundsätzlich nicht zum H-relevanten Verrichtungskreis. Außerdem reicht eine einzelne Hilfeleistung regelmäßig nicht. Die geforderte „Reihe“ wird nach der Rechtsprechung grundsätzlich erst bei mindestens drei erheblich betroffenen Verrichtungen angenommen.
3. Zeitaufwand: eine oder zwei Stunden?
Das BSG hat einen praktikablen Erheblichkeitsmaßstab entwickelt. Ein täglicher Hilfebedarf von mindestens zwei Stunden ist regelmäßig hinreichend erheblich. Zwischen einer und zwei Stunden kann H ebenfalls vorliegen, wenn der wirtschaftliche Wert der Hilfe besonders hoch ist.
Der wirtschaftliche Wert wird vor allem durch Zahl und zeitliche Verteilung der Hilfeleistungen beeinflusst. Hilfen, die über den ganzen Tag in zahlreichen kurzen Einsätzen erbracht werden müssen, können besonders belastend sein.
BSG, 12.02.2003 – B 9 SB 1/02 R: ausführliche Besprechung und Volltext →
Sächsisches LSG, 09.11.2023 – L 9 SB 55/22: wirtschaftlicher Wert und besondere Wohnform →
4. Anleitung und Überwachung
H setzt keine rein körperliche Pflege voraus. Bei geistigen, psychischen oder autistischen Beeinträchtigungen können konkrete Anleitung, Aufforderung, Kontrolle und Überwachung vollwertige Hilfe sein.
Typische H-relevante Konstellationen können vorliegen, wenn eine Person zwar körperlich selbst duschen, essen oder sich anziehen könnte, die Verrichtung ohne konkrete Anleitung aber nicht zielgerichtet oder überhaupt nicht ausführen würde.
5. Ständige Bereitschaft zur Hilfeleistung
Nicht jede Rufbereitschaft wird vollständig als Hilfezeit gerechnet. Bereitschaftszeiten sind nach der Rechtsprechung insbesondere dann relevant, wenn die Hilfsperson zeitlich und örtlich in vergleichbarer Weise gebunden ist wie bei aktiver Hilfe.
Das Bayerische LSG hat 2026 besonders hervorgehoben, dass dauernde Bereitschaft aktiver Hilfe insbesondere dann gleichsteht, wenn Hilfe häufig und plötzlich wegen akuter Lebensgefahr notwendig werden kann.
BayLSG, 08.07.2026 – L 2 SB 105/23: Anleitung, Impulse und Bereitschaft bei Autismus →
6. Pflegegrad und Merkzeichen H
Pflegegrad und Merkzeichen H sind unterschiedliche Rechtsbegriffe. Die Einführung der Pflegegrade hat den gesetzlichen Hilflosigkeitsbegriff nicht ersetzt.
7. Besonderheiten bei Kindern und Jugendlichen
Bei Kindern und Jugendlichen werden zusätzlich Anleitung, Förderung der körperlichen und geistigen Entwicklung sowie notwendige Überwachung berücksichtigt. Maßgeblich ist aber nur der behinderungsbedingte Mehrbedarf gegenüber einem gesunden gleichaltrigen Kind.
Die VMG enthalten zahlreiche krankheitsspezifische Regelungen und Altersgrenzen. Deshalb ist die Aussage „Kinder erhalten H bis 18“ in dieser Allgemeinheit falsch.
8. Volljährigkeit und § 48 SGB X
Die Rechtsprechung folgt inzwischen einem klaren Zwei-Stufen-Modell:
Im Urteil L 10 SB 111/17 scheiterte die Entziehung, weil trotz Volljährigkeit weiterhin ein ausreichender Hilfebedarf bestand. Im Urteil L 9 SB 55/22 blieb H ebenfalls bestehen. Demgegenüber bestätigte das BayLSG 2026 die Entziehung in L 2 SB 105/23, weil die Erwachsenenanforderungen nicht erreicht wurden.
9. Autismus und geistige Behinderung
Bei Autismus und geistigen Behinderungen entscheidet nach Volljährigkeit nicht die Diagnose als solche. Entscheidend ist, ob konkrete Anleitung, Überwachung und Kommunikation bei den H-relevanten Verrichtungen in ausreichender Breite und Intensität erforderlich sind.
Besonders wichtig ist die Abgrenzung zwischen konkreter verrichtungsbezogener Hilfe und bloßer allgemeiner Aufsicht. Allgemeine Betreuung, Tagesstrukturierung oder das Risiko des Verwahrlosens reichen für sich allein regelmäßig nicht.
10. Gehörlosigkeit und Ausbildung
Die BSG-Rechtsprechung erkennt Kommunikation als existenzielle Verrichtung an. Bei Taubheit und an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit sehen die VMG wegen des besonders hohen Kommunikationsbedarfs eine besondere Kinder- und Ausbildungsregel vor.
Nach Abschluss der beruflichen Erstausbildung besteht jedoch nicht automatisch weiter H allein aufgrund der typischen Kommunikationsbeeinträchtigung. Auch eine spätere berufsbegleitende Weiterbildung wird nicht schematisch der Erstausbildung gleichgestellt.
BSG, 24.11.2005 – B 9a SB 1/05 R: Gehörlosigkeit, drei Verrichtungen und Zwei-Stunden-Maßstab →
11. Diabetes, AGS und andere Stoffwechselstörungen
Diabetes mellitus
Bei Diabetes mellitus ist H nach der aktuellen Kinderregel bis zur Vollendung des 16. Lebensjahres anzunehmen. Danach ist der allgemeine Hilflosigkeitsmaßstab anzuwenden.
Adrenogenitales Syndrom (AGS)
Hier besteht eine bemerkenswerte LSG-Divergenz. Ältere niedersächsische Rechtsprechung war bei der Gleichstellung mit Diabetes großzügiger. Das LSG Rheinland-Pfalz, das LSG Berlin-Brandenburg und zuletzt das LSG Baden-Württemberg lehnen dagegen eine automatische Übertragung der Diabetesregel auf AGS ab.
Galaktosämie
Die Rechtsprechung zeigt, dass H auch bei einem GdB unter 50 möglich sein kann, wenn der konkrete behinderungsbedingte Hilfebedarf erheblich ist.
12. Weitere krankheitsspezifische Rechtsprechung
13. Zentrale Leitentscheidungen zum Merkzeichen H
Die nachfolgenden Leitentscheidungen sind als eigene Unterseiten mit juristischer Einordnung und vollständigem Entscheidungstext aufbereitet. Das vollständige Verzeichnis aller bereits aufbereiteten Entscheidungen folgt weiter unten.
12.02.2003 – B 9 SB 1/02 R
24.11.2005 – B 9a SB 1/05 R
28.03.2019 – L 10 SB 111/17
09.11.2023 – L 9 SB 55/22
08.07.2026 – L 2 SB 105/23
14. Vollständiges Rechtsprechungsverzeichnis der aufbereiteten Entscheidungen
Der Arbeitsstand enthält nun 81 eigenständige Entscheidungsseiten mit verfügbarem Primärtext bzw. dokumentiertem Primärdatensatz. Reine BSG-Nichtzulassungs- und PKH-Nachläufe werden gesondert dokumentiert und bei der jeweiligen LSG-Seite vermerkt. BSG-Nachläufe vollständig ansehen → · Quellenstatus der vier derzeit nicht verfügbaren LSG-Volltexte →
BSG – Grundbegriff, Zeitmaßstab und Pflege
27.12.2018 – B 9 SB 5/18 BH
12.02.2003 – B 9 SB 1/02 R
12.02.2003 – B 9 SB 4/01 R
12.02.2003 – B 9 V 13/01 R
10.12.2002 – B 9 V 3/01 R
24.06.1998 – B 3 P 4/97 R
10.09.1997 – 9 RV 8/96
02.07.1997 – 9 RV 19/95
02.07.1997 – 9 RVs 9/96
BSG – Kinder, Altersgrenzen und § 48 SGB X
12.11.1996 – 9 RVs 18/94
29.08.1990 – 9a/9 RVs 7/89
29.08.1990 – 9a/9 RVs 14/89
07.02.1985 – 9a RVs 2/84
BSG – Gehörlosigkeit und Kommunikation
24.11.2005 – B 9a SB 1/05 R
10.12.2003 – B 9 SB 4/02 R
12.11.1996 – 9 RVs 3/96
12.11.1996 – 9 RVs 9/95
12.11.1996 – 9 RVs 5/95
23.06.1993 – 9/9a RVs 1/91
BSG – weitere Grundlagen und Querschnitt
30.11.2006 – B 9a V 9/05 R
18.09.2003 – B 9 SB 3/02 R
08.03.1995 – 9 RVs 5/94
26.11.1991 – 9a RVs 8/90
26.02.1965 – 9/11 RV 660/63
24.04.1963 – 11 RV 800/62
LSG – Volljährigkeit und § 48 SGB X
10.04.2025 – L 6 SB 3523/23
17.09.2021 – L 8 SB 1856/20
23.02.2010 – L 15 SB 124/07
15.06.2007 – L 8 SB 1421/06
LSG – Autismus, geistige und psychische Behinderung
08.07.2026 – L 2 SB 105/23
16.11.2022 – L 13 SB 120/21
06.02.2025 – L 11 SB 117/22
09.11.2023 – L 9 SB 55/22
21.09.2022 – L 3 SB 96/19
25.06.2020 – L 3 SB 46/15
11.10.2019 – L 13 SB 289/18
28.03.2019 – L 10 SB 111/17
13.02.2019 – L 3 SB 60/17
23.07.2015 – L 11 SB 157/11
30.04.2014 – L 11 SB 67/11
06.02.2013 – L 11 SB 245/10
23.06.2011 – L 11 SB 374/09
05.05.2011 – L 7 SB 10/07
15.04.2010 – L 13 SB 10/08
27.11.2008 – L 11 SB 150/08
05.04.2006 – L 26 SB 22/03
LSG – Gehörlosigkeit und Ausbildung
16.03.2023 – L 6 SB 3065/22
17.12.2021 – L 12 SB 1425/21
LSG – Pflegegrad und Zeitmaßstab
10.10.2019 – L 9 SB 143/16
25.10.2018 – L 6 SB 2329/18
18.12.2014 – L 6 SB 3495/13
18.02.2014 – L 3 SB 238/11
LSG – Diabetes, AGS und Stoffwechsel
16.08.2024 – L 12 SB 1193/23
27.10.2022 – L 11 SB 65/18
20.05.2021 – L 6 SB 242/20
15.06.2018 – L 6 SB 3/17
09.11.2016 – L 6 SB 94/16
25.05.2016 – L 13 SB 87/15
06.07.2011 – L 3 SB 1180/09
20.09.2010 – L 6 SB 20/09
03.05.2006 – L 9 SB 45/03
23.10.2002 – L 18 SB 147/97
LSG – Mukoviszidose
13.09.2024 – L 8 SB 337/24
26.03.2013 – L 7 SB 58/08
05.04.2012 – L 5 SB 249/09
28.01.2010 – L 15 SB 5/03
LSG – Sehbehinderung
20.05.2026 – L 3 SB 53/23
LSG – Immundefekt und Transplantation
22.08.2022 – L 7 SB 86/21
10.11.2015 – L 2 SB 16/12
LSG – Herz-Kreislauf
19.12.2024 – L 11 SB 286/23
LSG – körperliche Behinderung und Mobilität
05.10.2023 – L 6 SB 1577/23
11.05.2022 – L 13 SB 97/20
25.10.2012 – L 13 SB 90/11
09.08.2012 – L 10 SB 10/12
28.06.2007 – L 13 SB 87/03
LSG – weitere Entscheidungen
28.01.2025 – L 3 SB 1/19
28.01.2025 – L 3 SB 18/19
28.02.2013 – L 15 SB 137/12
13.05.2019 – L 17 SB 1/19
25.04.2018 – L 13 SB 127/16
17.12.2015 – L 6 SB 4878/13
BSG – nachgehende Nichtzulassungs- und PKH-Beschlüsse
Zu 17 der ausgewerteten LSG-Verfahren liegen nachgehende BSG-Beschlüsse vor. Sie werden bei der jeweiligen LSG-Seite eingeordnet und zusätzlich in einem eigenen Verzeichnis zusammengeführt.
Vollständiges Verzeichnis der BSG-Nachläufe →
15. Zusammenfassung
Für die Prüfung von H sind vor allem fünf Fragen entscheidend:
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